Buch-Rezension: "Schnee" von Orhan Pamurk

Pamuk im Interview mit dem Magazin der Züricher Zeitung:

Pamuk: Sehen Sie, unsere Vergangenheit verändert sich mit unserer Gegenwart. Was jetzt passiert, verändert das Gestern. Das eigene Verhältnis zum Land kann mit demjenigen zur eigenen Familie verglichen werden. Man muss damit leben können. Beide sagen: Es sind Gräueltaten geschehen, aber das soll niemand anders wissen.

Magazin: Und Sie reden trotzdem davon. Wollen Sie unbedingt Schwierigkeiten bekommen?

Pamuk: Ja, jeder sollte das tun. Man hat hier 30 000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich.

Orhan Pamuk Lothar Müller von der Süddeutschen Zeitung würdigt Orhan Pamuks neuen Roman als ein Stück großer - und europäischer - Literatur. Und als Teil eines weiter reichenden Projekts des Autors: "mit der Form des Romans wie mit einem magischen Auge die Türkei der Gegenwart zugleich aus der Weltperspektive und aus der Nahsicht zu erfassen". Sein Gewährsmann ist hier der Schriftsteller Ka, der 1992 aus seinem Frankfurter Exil erstmals wieder in die Türkei reist - nach Kars, einem Ort so weit im Osten des Landes, daß der Besucher gleich doppelt als jemand aus dem Westen erscheint.

Kars ist ein Schmelztiegel der Kulturen, erst war es Teil des Russischen Reiches, aber zum größten Teil von Armeniern bewohnt, dann wurde es osmanisch, kurzeitig war es von Briten besetzt, dann eine eigene Republik, und heute ist es eine türkische Provinz. Früher lag sie an den Handelstraßen nach Osten, die durch den Kalten Krieg zerstört wurden, und so ist die einst reiche Provinzhauptstadt heute nur noch ein armes Loch. Früher, in den 20er, 30er Jahren, geprägt durch überschwänglichen Republikanismus und Anti-Islamismus, ist dieser Ort heute fest in der Hand der Islamisten. Die "Islamistische Wohlstands-Partei" steht kurz vor einem Wahlsieg bei der Bürgermeisterwahl.

Doch dann kommt es zum Putsch von Regierungstreuen Links-Republikanisten, Feinde von Kopftuch und Tradition. Während einer republikanischen Theateraufführung, in der, provokanter Weise, ein Kopftuch verbrannt werden soll, kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen dem Publikum, Größtenteils Schüler von der "Prediger- und Vorbeterschule" und Altlinken (vergleichbar mit unseren Alt-68ern). Schüsse fallen, viele Anti-Republikanisten im Publikum werden getötet. Im darauffolgenden Putsch wird uns die brutale Härte, mit der ein Staat zugange ist, der nie ein friederizianisches Zeitalter hatte, verdeutlicht. Wild um sich greifende Willkür-Justiz und Folterszenen durch den nationalen Geheimdienst bleiben dem Leser nicht erspart.

Getragen und gedämpft wird die Geschichte vom unaufhörlichen Schneefall, der die Straßen versperrt und die kleine Stadt zur Insel werden läßt. Ein Ort, zu dem von außen niemand vordringen kann. Die Lösung der Probleme kommt automatisch am Tag der Schneeschmelze. Eine große Säuberung durch den Staat, um so etwas nie wieder vorkommen zu lassen, bleibt der Stadt und ihren Bewohnern trotz allem nicht erspart. Durch den Schnee und die ruhige Erzählweise, die weder große Spannung noch Langeweile aufkommen läßt, kommt einem der Vorfall wenig extrem vor. Erst bei der Interpretation, zu der der Autor am Ende des Buches noch einmal indirekt anregen will, kommt einem in den Sinn, was man gerade gelesen hat.
 

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